Jahreslosung 2010

Euer Herz erschrecke nicht!

Nach ihrem Studium in Tokio lebte die japanische Künstlerin Yuriko Ashino in Deutschland. In Münster und Bonn studierte sie. Der deutschen Sprache ist sie vor allem durch die Musik verbunden; so gehörte sie dem Heinrich-Schütz-Chor in Tokio an. Die Musik ist es auch, die ihren christlichen Glauben bereichert und geprägt hat. Der Einfluß der Musik ist auch in ihrer Kunst nicht zu übersehen. Betrachtet man die kalligraphischen Blätter, die sie gestaltet, meint man eine Melodie zu hören.

Kalligraphie ist die Kunst des schönen, kunstvollen Schreibens. Die Künstlerin studierte sie in Japan und später in Deutschland. Während im asiatischen Raum der Pinsel für Schriftgrafik verwendet wird, ist es im europäischen Raum eher die breit geschnittene Feder. Die einzelnen Worte werden zu einem Bild, das sie in ihrer Gesamtheit erfaßt und gestaltet. Jeder Buchstabe wird für sich und im Zusammenhang, in Verbindung mit Farbe und Form und der unter der Schrift liegenden Flächen - so entsteht ein lebendiges, wogendes, klingendendes Zu-sammenspiel, das den Raum für Deutungen öffnet.

Der Spruch, der uns entgegentritt, gewinnt eine emotionale Wirkung, die sich dem Betrachter sinnlich erschließt. Es leuchten die roten Buchstaben wie ein Signal. Eine Aufforderung: Euer Herz erschrecke nicht! Dieser Vers steht im Zentrum des Bildes und dominiert ihn. Es liegt ein enormer Schwung in diesen Zeilen. Ist es die seelische Bewegung des Erschreckens?

Aber es verliert sich nicht in endlosen Weiten, sondern wird gleichsam gebän-digt, eingefasst und in Form gehalten. Der Grund, auf dem es steht, ist der Glau-be an Gott und an den Auferstanden, der die Form des Todes lichthaft aufbricht.

Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Eins steht fest, die Zuverlässigkeit Gottes, der in unüberbietbarer Weise durch Christus zu uns spricht: Glaubt an Gott und glaubt an mich! Auch wenn euch alles um die Ohren fliegt, wenn die brüchige Wirklichkeit in ihrer wandelbaren Vorläufigkeit euch erschüttert und zersplittert - am Glauben soll es nicht fehlen! Er wird geschenkt werden, daran wird nicht gezweifelt. Dergleichen gibt Trost und Halt.

Das Kreuz hält die einzelnen Wörter zusammen und verleiht der Jahreslosung die Bewegung, die sie im Blick auf unser Leben und unser Gottvertrauen zum Klingen bringt. Der Glaube ist die Vertikale Achse des Kreuzes, die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Er verbindet uns mit Gott durch Christus, so daß alles Erschrecken in unserem Leben im Kreuz aufgefangen und aufgehoben ist. Dadurch entsteht die Zuversicht, die wir brauchen und nach der wir suchen. Das Schwere verliert an Kraft. Die Grafik vermittelt die Glaubenshoffnung, die das Dunkle in Licht und das Erstarrte in Bewegung verwandelt.

Zwischen Erschrecken und Vertrauen changiert diese Jahreslosung. Und uns wird klar, daß sich unser Leben in der Spannung zwischen diesen beiden Hal-tungen vollzieht. Dieses Christuswort ist ein Abschiedswort, Christus spricht es zu seinen Jüngern, um etwas zurückzulassen. Er weiß es längst, daß andere Zei-ten kommen werden. "Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten". Noch wollen es die Jünger nicht wahrhaben. "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst; wie kön-nen wir den Weg wissen?" Und Christus antwortet mit dem berühmten Wort: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich."

In den Zusammenhang des Abschieds gehört nun unmittelbar die Verheißung des Wiedersehens. "... und ich will euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin." Der Abschied ist nicht schön, aber er steht unter einer Verheißung. Das Erschrecken der Jünger ist verständlich. Den Meister, den Rabbi, den Freund, den Heiland, den Christus verlieren - das wäre das Schlimmste, denken die Jün-ger. Wer soll die Errichtung des Reiches Gottes und des Himmelreichs auf der kalten Welt fortsetzen, wenn er nicht mehr da ist? Die Erfahrung und Bedrohung der Gottesferne und Gottesverlassenheit hat uns seither nicht verlassen. Doch vergehen wir darum nicht in Trübsal. Sondern wir bekennen erst recht tapfer und halten uns in unverbrüchlicher Treue an die Verheißung, daß der Glaube überwindet - vor allem Erschrecken, Angst und Trostlosigkeit.

Der Spannungsbogen, den die Jahreslosung schlägt, verbindet also grundlegende Gefühle unseres Menschseins: Angst und Vertrauen. Um das Leben anzuneh-men und zu bewältigen ist es unerläßlich, sich auf das Hoffnungswort zu beru-fen und daran festzuhalten. Es wird darum immer wieder Erschrecken, Angst und Mutlosigkeit in unser Leben einbrechen; aber das wird nicht von letzter Be-deutung sein. Der Glaube macht diese Mächte zunichte.

Nicht weniger als das sagt die Jahreslosung 2010, nicht weniger als das bekom-men wir zugesichert und zugeeignet durch den Glauben. Da heißt es: Aus! Das Erschrecken soll gebannt sein und bleiben in unserem Glauben.

Dies wünscht Ihnen mit herzlichen Grüßen, auch von Pfr. Lohmann,

Ihr Pfarrer Ilgner.