Andacht

Andacht

Liebe Leser,

Seid nett zueinander! So steht es im Benimmbuch und der erhobene Zeigefinger winkt gleich mit. An diese Grundregel guten Benehmens musste ich denken, als ich den Vers im Buch der Sprüche für den Monat Juni gelesen habe: Freundliche Reden sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Das grenzt sich auch ab zum Sprichwort: „Jemandem Honig ums Maul schmieren“. Der bleibt nämlich hängen und klebt fest. Der Vers sagt zunächst eigentlich nichts Überraschendes. Natürlich ist es schöner, wenn ich freundlich angeredet werde. Der freundliche Ton ist wie der berühmte Löffel Honig im Tee. Der hilft den erschöpften Gliedern genauso wie der Seele mit seiner Süße zu einem inneren Lächeln. Seid freundlich und ihr werdet sehen, dass es gut tut. Das ist ja ganz nett.

Freundlich ist aber etwas anderes als nett. Denn darin steckt der Freund. Der Vertraute, der Nahestehende. Eben einer, der mir auch unangenehmes sagt, wenn es wichtig ist. Einer, der dann trotzdem zu mir steht. Einer, der mir das Taschentuch reicht oder seine Schulter. Einer, der mich so gut kennt, dass er ehrlich und offen mit mir sprechen kann. Und damit ist die freundliche Rede nicht die nette, höfliche Umgangsform, sondern der ungeschminkte, zugewendete Kontakt zwischen Vertrauten. Das ist etwas, so weiß es das alte Buch der Bibel, was viel tiefer geht als geschliffene, korrekte Worte. Vielleicht stößt viele Menschen deswegen auch das Verwaltungsdeutsch so ab. Weil es seine Worte wie Pfeile abzielt. Genau, präzise und stechend. Doch der Freund ist nicht berechnend und seine Freundlichkeit kein Mittel zum Zweck.

Und da ist für mich noch ein Unterschied zum Benimmbuch. Denn in der Bibel gibt es kein Ausrufezeichen. Ich werde nicht mit einem Appell an meine Moral zu einem Verhalten aufgefordert. Nein, die Bibel beschreibt mir viel mehr wie meine Worte bei dem anderen wirken können. Sie zeigt mir das aus seiner Perspektive. Sie zeigt mir, was wir einander bedeuten und zieht die Folgen bis hin zur Heilung. Und das hat jeder in der Hand: etwas Gutes bewirken mit dem, was ich sage.

Ich habe es hier nicht mit einem Be-nimm der richtigen Form zu tun, sondern eher mit einem Ver-nimm meinen Ton, denn er kann dich erreichen und heilen.

Und damit bin ich schon ein bisschen im gelobten Land, im Reich Gottes, in seiner Nähe. Welches Ziel gibt Gott gleich aus für Abraham beim Aufbruch: geh ins Land, wo Milch und Honig fließen. Könnte das nicht auch hier und heute (m)ein Ziel sein – täglich mit meinen Worten ein wenig Honig fließen zu lassen?

Denn: Freundliche Reden sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

Es grüßt Sie freundlich,
Ihre Pfarrerin

Friederike Kaltofen