Andacht

Andacht

Liebe Leser,

poetisch und voller Tiefe spricht im Monatsspruch September der Prediger im 3. Kapitel:

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, da Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Unwillkürlich erinnern mich diese Worte an die vielen Bestattungen, die uns seit der ersten Jahreshälfte begleiten. Der Mensch kann sie nicht ergründen: Die Zeit mit ihrem gesetzten Anfang und Ende. Im Allgemeinen empfinden die Angehörigen das auch als gut und richtig. Aber wenn es plötzlich, unerwartet oder gefühlt viel zu früh passiert, dass ein geliebter Mensch stirbt, dann ist die Zustimmung sehr schwer. So viel bleibt offen, unerfüllt und die gemeinsame Zeit ist mit einmal weg. Der Tod, gerade in dieser Form, lehrt auf seine ganz eigene Weise dankbar zu leben.

Gleichzeitig kann ich das Unverständnis oder den Zorn darauf verstehen, dass das Leben immer am seidenen Faden hängt. Wenn ich mir das ständig vor Augen führe, dann macht das innerlich Druck. Dieses Geheimnis um die Lebenszeit ist aber etwas, was mein Leben ausmacht und es hat auch eine Chance in sich: Es entlastet mich, meine Pläne genau begrenzen zu müssen. Es entlastet mich, auf diesen Zeitpunkt zu zuleben. Es entlastet mich, die Anfänge und Verläufe meiner Biografie frei zu empfinden, ohne vom Ende her denken zu müssen. Es bewahrt mich vor dem fatalen Antrieb: du lebst nur einmal, koste alles aus, nimm alles mit, verpasse nichts!

Gott hat der Zeit die Ewigkeit in ihr Herz gelegt: heißt das nicht auch, dass dieses Zeit-Herz ewig schlägt? Mein  diesseitiger Lebensrahmen ist damit bloß ein Ausschnitt aus der Zeit. Aber links, rechts, oben und unten geht sie weiter. Und zwar mit mir, mit unseren Verstorbenen. Für mich ist das ein guter Gedanke, denn da besteht keine Willkür, der ich ausgesetzt sehe. Sondern eine ganz grundlegende und umfassende Begleitung, die mich, die uns, umgibt und fortbesteht und die ich nicht allein verantworten muss. Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit und er wird es auch schön machen – darauf vertraue ich sehr. Und so stehen wir sicher miteinander in der Zeit, die in ihrem Herzen die Ewigkeit trägt!

Mit den besten Wünschen für eine gesegnete Spätsommerzeit grüßt Sie herzlich

Ihre Pfarrerin
Friederike Kaltofen