Andacht

Andacht

Liebe Leser,

für die kommende Lichterzeit würde ich einen frohen, verheißungsvollen Vers erwarten. Aber dann steht da für den Monat Dezember bei Jesaja: „Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott.“ Schwer fühlt sich das an und vor allem nicht hell, vielmehr finster. Da ist von den langen Schatten die Rede, die sich auf das Herz legen und in der Seele wohnen können. Ängste, Belastungen, sich auflösende Hoffnung – das alles schwingt da mit. Und das im Blick auf Weihnachten. Doch das ist eben auch die Realität und sie ist gar nicht so selten. Wie es wirklich innen im Menschen aussieht, das bleibt oft verborgen.

Hanns Dieter Hüsch erzählt in ein paar kurzen Zeilen etwas ganz Ähnliches. Paul ist weggelaufen und flüchtet sich in einen fahrenden, leeren Güterwagen. Dann wird es Nacht und in seiner Bedrängnis schreibt Paul mit Kreide blind alle vier Wände des Wagens voll. Mit allem, was ihn quält. Wut, Jahreszahlen, Lebenszeichen und Hilferufe. Dann schläft er ein und am Morgen öffnet er die Tür und da steht an der Decke, wo er überhaupt nichts hingeschrieben hat: Fürchte dich nicht! Und es ließ sich nicht wegwischen.

Da brechen sich die Strahlen der Morgensonne Bahn und leuchten die Finsternis von Paul an. Und als er das Licht zulässt, zu sich und in seine vier Wände voller Angst, da kann er sehen, was zu Weihnachten gesagt und gesungen wird: fürchte dich nicht! Und auch Jesaja endet nicht im Dunkeln: vertraue auf den Namen des Herrn und verlass dich auf deinen Gott!

Mit nichts mehr als mit diesen letzten Kräften kann ich mich auf Gott werfen. Kann mich von seiner Furchtlosigkeit anstrahlen und befreien lassen. So ein Vertrauen ist fundamental. Nur wer von allen guten Geistern verlassen ist, hofft nicht mehr. Aber irgendwann steht auch Paul auf und macht den Schritt auf die Tür zu. Und dahinter ist das Licht und das scheint auf die Perspektive, die in der Angst verloren geht. Sie ist in jedem Menschen da wie das Immunsystem. Dazu muss er den Kopf heben. Und mit dem Kopf hebt sich das Gemüt. An der Decke, dem Himmel entgegen, sieht er, was er nicht mehr fühlen konnte: Habe keine Angst, du bist stärker und heller als deine Schatten. Bring deinen Kummer zu Gott und vertraue darauf, dass er das Licht ist.

Diese Helligkeit wünsche ich Ihnen allen in der dunklen Jahreszeit und eine gute, gesegnete Advents- und Weihnachtszeit,

Ihre Pfarrerin
Friederike Kaltofen