Andacht

Andacht

Liebe Leser,

der Vers für September lautet: „geht und verkündet: das Himmelreich ist nahe“. In diesen Monaten könnte man meinen, es hieße: geht und verkündet: die Strukturreform ist nahe. Und das hat dann nur noch sehr bedingt mit froher Botschaft zu tun.

Aber ganz im Ernst – wenn wir zusammensitzen und über Ortsgesetze, juristische Feinheiten und Verwaltungssitze nachdenken, dann frage ich mich zwischendurch: um was geht es gleich bei uns? Natürlich kann ich das eine nicht gegen das andere ausspielen. Aber die äußere Form sollte doch nie den Inhalt verdecken. Wie bei einem Bild, das einen goldenen, prunkvollen Rahmen hat, der so imposant ist, das man ganz vergisst, das Bild anzusehen. Das Problem des Rahmens ist aber, dass er keine andere Funktion hat, als das Bild zu umgeben und zu schützen. Er hat keinerlei eigene Aussage.

So ist es für mich auch mit den Rahmenbedingungen unserer Kirchgemeinden. Die Arbeitsplätze müssen funktionieren, die Abläufe brauchen Ordnung und Absprachen, aber das alles gibt es doch nicht, weil wir inhaltlich an Gesetzestexten arbeiten. Sondern weil uns die Texte der Freiheit, der Liebe und Nähe Gottes zu den Menschen beschäftigen. Uns beschäftigt die Frage nacheinander. Uns beschäftigt das Zusammenleben in den gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wenn wir uns da nicht unterscheiden, dann wären wir bloß ein weiterer Arbeitgeber in Deutschland.

Aber das sind wir nicht. Und manchmal wird es mühsam. Ich sehe das bei meinem kleinen Sohn. Er macht so viele unsichere Schritte. Oft misslingen sie ganz und er fällt. Und das geht nicht ohne Schmerzen. Die Schritte, die wir jetzt gehen müssen, sind ganz ähnlich: unsicher, suchend, tastend und bestimmt auch schmerzlich.

Aber bei allem ist es doch unser Glaube, unsere Hoffnung und jede Menge Zuversicht, die wir an unseren Orten leben und erleben. Und das zu erhalten, liegt bei uns. Und dort ist Kirche. Dort nimmt sie ihre eigentliche Gestalt an. Wenn Menschen Gott für sich und in ihr Leben einbeziehen. Wenn wir nach dem fragen, was die Seel Luft holen lässt. Wenn wir die Kraft einüben, das Schwere und die Zumutungen des Lebens auszuhalten. Wenn das Klagen und Jammern versiegt und die Resignation resigniert. Wenn wir das, was wir haben in die Waagschale werfen und entschlossen unsere Schritte setzen, denn auch das Kind hat ja das Ziel, laufen zu lernen und zu wachsen. Es wächst dabei auch an den schweren Schritten und versucht es doch immer wieder. Und Gottes Hände sind da und bereit, uns aufzufangen.

So müssten wir eigentlich auch nicht ängstlich alles absichern, was uns die Prognosen androhen, sondern dabei auch aus dem Vertrauen schöpfen, das die ersten Worte von Jesus prägen: geht verkündet: das Himmelreich ist nahe.

Bleiben Sie behütet und mit herzlichen Grüßen,
Ihre Pfarrerin
Friederike Kaltofen